Ungarn ist vielleicht nicht das erste Land, das einem in den Sinn kommt, wenn man an große Weinnationen denkt – und doch völlig zu Unrecht. Das relativ kleine Land in Mitteleuropa verfügt über 22 offiziell anerkannte Weinregionen, eine mehr als tausendjährige Weintradition und eine jährliche Produktion von durchschnittlich 2,5 bis 3,5 Millionen Hektolitern, je nach Jahrgang.
Von vulkanischen Hügeln bis zu sonnenverwöhnten Ebenen bietet Ungarn eine beeindruckende Vielfalt. Wenn Sie nach Budapest reisen oder das Land erkunden, sollten Sie diese sechs Weine unbedingt kennenlernen.
1. Tokaji Aszú – Der „Wein der Könige“
Beginnen wir mit dem berühmtesten.
Tokaji Aszú ist zweifellos der ikonischste Wein Ungarns. Er stammt aus der Region Tokaj im Nordosten des Landes und wird aus Trauben hergestellt, die von der Edelfäule (Botrytis cinerea) befallen sind. Das klingt zunächst ungewöhnlich, doch unter optimalen Bedingungen konzentriert dieser natürliche Prozess Zucker und Aromen in der Beere.
Das Ergebnis ist ein intensiv komplexer Wein mit Noten von:
- Honig
- Aprikose
- Orangenschale
- Karamell
- Gewürzen
- Und einer lebendigen, ausgleichenden Säure
Ludwig XIV. soll ihn einst als „Wein der Könige und König der Weine“ bezeichnet haben. Wer mehr über Geschichte und Herstellung erfahren möchte, findet auf der Wikipedia-Seite über Tokaji Aszú ausführliche Informationen.
Wo kann man Tokaji Aszú probieren?
Natürlich ist ein Besuch der Region Tokaj mit ihren vulkanischen Böden und jahrhundertealten Weinkellern ein besonderes Erlebnis. Doch auch in Budapest können Sie diesen Wein auf höchstem Niveau genießen.
Eine der besten Adressen, um Tokaji Aszú zusammen mit moderner ungarischer Küche zu erleben, ist das Aszú Restaurant. Hier können Sie verschiedene Tokaj-Stile – von trocken bis edelsüß – entdecken und perfekt abgestimmt zu kreativen Gerichten genießen.
2. Egri Bikavér – Das „Stierblut“ mit Legende
Aus der Weinregion Eger stammt der berühmte Egri Bikavér, wörtlich „Stierblut“.
Der Legende nach tranken ungarische Soldaten während der osmanischen Belagerung im 16. Jahrhundert roten Wein vor der Schlacht. Die Angreifer glaubten, sie tränken Stierblut, um sich besondere Kraft zu verleihen.
Egri Bikavér ist eine Cuvée, die unter anderem folgende Rebsorten enthalten kann:
- Kékfrankos
- Kadarka
- Cabernet Sauvignon
- Merlot
Hochwertige Varianten sind würzig, ausgewogen und zeigen Aromen von Kirsche, Pflaume und feinen Gewürznoten.
In Budapest findet man ausgezeichnete Exemplare in Weinbars und gehobenen Restaurants, doch in den traditionellen Kellern von Eger entfaltet dieser Wein seinen ganz eigenen Charme.
3. Furmint – Die trockene Seite von Tokaj
Die wichtigste Rebsorte hinter dem Tokaji Aszú heißt Furmint. Was viele nicht wissen: Sie bringt auch hervorragende trockene Weine hervor.
Trockener Furmint ist:
- Frisch
- Mineralisch
- Säurebetont
- Oft vergleichbar mit Riesling oder Chablis
Dank der vulkanischen Böden in Tokaj besitzen diese Weine häufig eine rauchige, steinige Note, die sie besonders spannend macht.
In Budapest können Sie in vielen Weinrestaurants trockenen Furmint und süßen Tokaji direkt miteinander vergleichen – eine ideale Gelegenheit, die Vielseitigkeit dieser Rebsorte zu entdecken.
4. Juhfark – Der „Hochzeitsnacht-Wein“
Nun zu einer echten ungarischen Spezialität.
Juhfark, was „Schafsschwanz“ bedeutet (in Anlehnung an die Form der Traube), stammt vor allem aus der kleinen, vulkanischen Region Somló.
Historisch galt Juhfark als Wein, der die Geburt eines männlichen Erben begünstigen sollte. Mitglieder der Habsburger-Dynastie sollen ihn in ihrer Hochzeitsnacht getrunken haben.
Ob Mythos oder nicht – der Wein selbst ist kraftvoll, strukturiert und ausgeprägt mineralisch. Kein einfacher Alltagswein, sondern ein charakterstarkes Erlebnis.
5. Kékfrankos – Ungarns wichtigste rote Rebsorte
Kékfrankos, international als Blaufränkisch bekannt, ist vermutlich die bedeutendste rote Rebsorte Ungarns.
Sie gedeiht besonders gut in:
- Sopron
- Villány
- Eger
Typische Eigenschaften sind:
- Mittlerer Körper
- Fruchtige Noten von Kirsche und Himbeere
- Würze und Frische
In kühleren Regionen wirkt er elegant und fein, in wärmeren Gegenden kraftvoller und strukturierter.
6. Kadarka – Die große Rückkehr
Die Rebsorte Kadarka stand einst kurz vor dem Verschwinden, erlebt jedoch in den letzten Jahren ein beeindruckendes Comeback.
Früher vor allem Bestandteil von Cuvées wie Bikavér, wird sie heute zunehmend sortenrein ausgebaut.
Kadarka-Weine sind:
- Leicht
- Würzig
- Floral
- Elegant und lebendig
Ideal für Liebhaber feiner, leichter Rotweine mit Charakter.
Ungarn als Weinland in Zahlen
Mit seinen 22 Weinregionen bietet Ungarn eine bemerkenswerte Vielfalt an Terroirs und Stilen. Der Weinbau reicht bis in die Römerzeit zurück, und heute verbinden ungarische Winzer jahrhundertealte Tradition mit moderner Technik.
Besonders charakteristisch für Ungarn sind:
- Autochthone Rebsorten
- Vulkanische Böden
- Viele familiengeführte Weingüter
- Eine starke kulinarische Kultur
Fazit
Wenn Sie Ungarn besuchen, begnügen Sie sich nicht mit einem einfachen „Hauswein“.
Entdecken Sie:
- Die königliche Süße des Tokaji Aszú
- Die Legende des Egri Bikavér
- Die Mineralität des Juhfark
- Die Eleganz des Kékfrankos
- Die Finesse des Kadarka
- Und die Vielseitigkeit des Furmint
Ungarn mag auf der Landkarte klein erscheinen – doch in Sachen Charakter und Geschmack ist es ganz groß.
Zum Wohl – oder wie man hier sagt:
Egészségedre!





