Am 25. Oktober 1956 war der Kossuth Lajos-Platz in Budapest voller Menschen, die glaubten, dass sich die Geschichte endlich zu ihren Gunsten wenden würde. Wenige Tage zuvor war die ungarische Revolution ausgebrochen – getragen von Forderungen nach Freiheit, Demokratie und einem Ende der sowjetischen Dominanz. Zehntausende Männer, Frauen und Kinder versammelten sich vor dem Parlament – einem Symbol der nationalen Hoffnung. Doch anstatt den Beginn der Freiheit zu erleben, wurden sie Zeugen einer der dunkelsten Tragödien in der modernen Geschichte Ungarns: des Massakers auf dem Kossuth-Platz.
Warum waren so viele Menschen auf dem Kossuth-Platz?
Die Revolution hatte am 23. Oktober mit riesigen Demonstrationen im ganzen Land begonnen. Die Menschen forderten freie Wahlen, den Abzug der sowjetischen Truppen und mehr nationale Selbstbestimmung. Am Morgen des 25. Oktober strömten Tausende zum Parlament. Viele glaubten, dass im Inneren Verhandlungen zwischen der neuen ungarischen Regierung und sowjetischen Vertretern stattfanden. Die Stimmung war von Hoffnung und Erwartung geprägt.
Wer eröffnete das Feuer?
Dies ist bis heute eine der umstrittensten Fragen. Plötzlich eröffneten Maschinengewehre von den Dächern und aus den umliegenden Gebäuden das Feuer – direkt in die dichte Menschenmenge. Einige Zeugen gaben sowjetische Soldaten als Täter an, andere beschuldigten die ÁVH, die gefürchtete ungarische Geheimpolizei, die absichtlich Chaos provozieren wollte. Die Wahrheit bleibt unklar, doch eines ist sicher: Zivilisten waren das Ziel.
Wie viele Schützen gab es?
Die Augenzeugenberichte gehen auseinander. Manche sagten, dass von mehreren Richtungen geschossen wurde – vom Landwirtschaftsministerium, aus gepanzerten Fahrzeugen auf dem Platz und sogar aus Fenstern der Nachbarhäuser. Für die Menschen auf dem Platz war es, als wären sie in einer Falle gefangen, während die Kugeln aus allen Richtungen einschlugen.
Wie verlief das Massaker?
Minutenlang – die den Betroffenen wie eine Ewigkeit vorkamen – herrschte Chaos. Menschen versuchten zu fliehen, doch mit dem Parlament im Rücken und dem Kugelhagel vor sich war es nahezu unmöglich. Überlebende berichteten von Panik pur: schreiende Kinder, Verwundete, die niedergetrampelt wurden, und Familien, die in Sekunden auseinandergerissen wurden.
Wie viele Opfer gab es?
Die Zahlen sind bis heute umstritten. Das damalige kommunistische Regime nannte niedrige Opferzahlen, doch Überlebende und Historiker sprechen von Hunderten Toten und noch mehr Verletzten. Damit gehört das Massaker zu den blutigsten Einzelereignissen der Revolution von 1956.
Warum geschah das?
Einige glauben, es sei eine bewusste Provokation der ÁVH und der sowjetischen Kräfte gewesen, um ein brutales Vorgehen gegen die Revolution zu rechtfertigen. Andere sind der Meinung, nervöse Soldaten hätten ohne Befehl geschossen. Unabhängig von der Ursache verwandelte sich die friedliche Bewegung in bewaffneten Widerstand.
Was geschah danach?
In den folgenden Tagen stürzte Budapest in heftige Kämpfe. Widerstandsgruppen bewaffneten sich, sowjetische Truppen zogen sich kurzzeitig zurück, bevor sie am 4. November mit massiver Stärke zurückkehrten, um die Revolution niederzuschlagen. Das Gedenken an das Massaker auf dem Kossuth-Platz wurde während der kommunistischen Jahrzehnte unterdrückt – erst nach 1989 konnte man offen darüber sprechen.
Warum erinnern wir uns heute an den Kossuth-Platz?
Weil er uns daran erinnert, dass Freiheit immer ihren Preis hat. So wie beim Massaker auf dem Dam-Platz in Amsterdam im Mai 1945 wurde eine Menschenmenge, die sich in Hoffnung und Freude versammelt hatte, von brutaler Gewalt getroffen. Beide Ereignisse haben tiefe Spuren im kollektiven Gedächtnis ihrer Nationen hinterlassen und zeigen, wie zerbrechlich der Frieden sein kann.
Jedes Jahr am 25. Oktober versammeln sich Ungarn auf dem Kossuth-Platz, um Blumen niederzulegen und Kerzen zum Gedenken an die Opfer anzuzünden.





